Ulrike Korbach

Filmemacherin & Fotografin

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Nachts kommen die Bilder

Ein Dokumentarfilm über das Leben der Czeslawa Wölfel

 

Der Film „Nachts kommen die Bilder" begleitet Czeslawa Wölfel während ihrer letzten Lebensmonate, bis zu ihrem Tod.

Die alte Dame lebt in einem Seniorenheim nahe Bielefeld. Es fällt ihr schwer, sich mit ihrem neuen Zuhause abzufinden. Keiner hat richtig Zeit. Keine Zeit, die Rezepte ihrer Heimat Polen für die Nachwelt zu erhalten, oder sie auch nur mal nachzukochen. Und schon gar keine Zeit zuzuhören, was die alte Frau zu erzählen hat. Dabei würde es sich lohnen, Geschichten aus mehr als 80 Jahren deutsch-polnischen Lebens zu hören, in dem einzig die Gewalt und die bedingungslose Liebe zu ihren Kindern verlässliche Größen waren.

1927 in Polen geboren, hätte ihr, so erzählt sie, der Weg aufs Gymnasium offen gestanden. Aber das Gymnasium wurde geschlossen, der Krieg war ausgebrochen und regulärer Unterricht in einer öffentlichen Schule unmöglich. Eine private Schule konnte sich die Familie auf die Dauer nicht leisten. Der Vater war im Krieg, die Mutter stand mit 4 Kindern alleine da. So blieb Czeslawa überwiegend zu hause und ging der Mutter zur Hand. Bis die Deutschen kamen und ihr das Schicksal tausender Polen zuteil wurde: sie wurde nach Deutschland verschleppt – zur Zwangsarbeit.

Nach Ende des Krieges wusste sie nicht wohin.

Sie gehörte zu der Gruppe der so genannten „heimatlosen Ausländer". So wurden alle die Menschen genannt, die in Deutschland bleiben mussten oder durften, weil es ihnen nicht zuzumuten war, in ihre frühere Heimat zurückzukehren. Dies waren sowohl ausländische Kollaborateure mit Nazideutschland als auch die Zwangsarbeiter, denen aufgrund der politischen Verhältnisse in ihren Heimatländern oder deren Zerstörung eine Rückkehr nicht zumutbar erschien. Aufgrund dieses Status und mangels Alternativen blieb sie erst mal in Deutschland, wo sie ihren ersten Mann, einen polnischen Soldaten, kennen lernte.

Fast hätten sie zusammen nach Australien auswandern können. Czeslawa hatte schon ihr Visum. Jedoch fiel kurz vor der Einreise den Behörden das Alkoholproblem des Ehemanns auf, und so zerschlug sich die Aussicht auf einen Neuanfang. Kurz darauf kam die erste Tochter, Alicja. Sie wurde mit einem Down-Syndrom geboren, machte ihren Eltern aber viel Freude: „Sie sah aus wie ein Püppchen, sie hat immer gelächelt" schwärmt ihre Mutter noch heute.

Selbst die Behinderung der Tochter und das Leben in einem fremdem Land, in dem die „heimatlosen Ausländer" geduldet, aber nicht willkommen waren, wäre kein Problem gewesen, „wenn nur die Männer nicht getrunken hätten". Czeslawas Mann trank nicht nur, er schlug sie auch noch. So lange, bis sie den Absprung schaffte.

"Alles wäre gut, wenn die Männer nicht getrunken hätten. Sie durften ja nicht trinken. Sie konnten damit nicht umgehen."

Der nächste Mann, ein Deutscher, hat am Anfang nie etwas getrunken, oder „ist gleich im Bett verschwunden". Eine gute Eigenschaft, die allerdings nicht von Dauer war. Auch er griff vermehrt zur Flasche und prügelte erst seine Frau und später die Kinder. Durch die drei weiteren Kinder, die sie von ihrem zweiten Mann zur Welt gebracht hatte, fehlte ihr die Kraft für eine erneute Trennung. Zudem war ein weiterer Sohn behindert.
Und so blieb sie bei ihrem Mann und hat noch ein paar Jahre durchgehalten. Als der Missbrauch von Tochter Alicja durch ihren Stiefvater bekannt wurde, brachte die Mutter sie in einem Heim in Sicherheit. Alicja kam nur noch zu den Wochenenden nach hause und die Bedingungen waren klar: Ein weiterer Übergriff durch den Stiefvater und die Scheidung drohte.

Als die Söhne dann erwachsen wurden,
griffen auch sie zu Alkohol und Drogen.

Martin der Älteste, konnte sich später nach fast zwanzig Jahren mit Hilfe seines Glauben aus seiner Alkoholsucht befreien. Er hat heute Familie, ist Vater von zwei vierzehn und sechzehn Jahre alten Kindern und Zeuge Jehovas.
Georg, der folgende Bruder, hat über zwanzig Jahre in verschiedenen Entzugs- und einer Justizvollzugsanstalt vergeblich versucht, abstinent zu werden. Erst als er sein Leben durch Diabetes bedroht sah, klappte dann aber alles sehr schnell und dauerhaft. Auch er ist lebt nun seit zehn Jahren alkohol- und drogenfrei. Aufgrund seiner leichten geistigen Behinderung hat er in einer Behindertenwerkstatt eine feste Arbeits- und Anlaufstelle. Georg fühlt sich als Frau und nennt sich Christine. Sein dementsprechendes äußeres Erscheinungsbild irritiert die Umwelt, nicht jedoch seine Mutter: „Naja, ist halt immer noch mein Sohn. Er möchte nach seiner eigenen Pfeife tanzen."
Alicja lebt heute mit ihrem Mann in Celle. Arbeit hat sie in der Lebenshilfe. Ansonsten führt sie ein selbständiges Leben in einer eigenen Wohnung ohne Betreuung. Die Wunden der Vergangenheit sind tief und verheilen schwer, aber dennoch betont sie: „Wir haben immer zusammen gehalten - die Mutti und ich. "
Franzl, der jünste Sohn, hat die Familiengeschichte nicht überlebt. Vor vier Jahren fand ihn Georg tot in seiner Wohnung, die aufgezogene Sprit-ze noch daneben. Verschiedene Anläufe von den Drogen loszukommen, von Therapie bis zu einem von seinem Bruder Martin initiierten Anlauf bei den Zeugen Jehovas, waren erfolglos verlaufen oder der Erfolg nicht von Dauer. „Es war fast, als ob er seinen Tod gewollt hätte", so die Mutter.
Ungefähr zum gleichen Zeitpunkt starb dann auch ihr Mann an Krebs. „Da hat der liebe Gott ihn zu sich geholt, und wir hatten unsere Ruhe."

„Das war kein leichtes Leben - nein, bestimmt nicht"

resümiert Czeslawa zum Ende ihrer Erzählungen. Und doch erscheint sie nicht gebrochen, hat ihren Kindern versucht ein Stück Eigenständigkeit und Stärke auf den Lebensweg zu geben. Auch wenn sie nicht alles ausgleichen konnte, so zeugt doch der liebevolle Umgang der überlebenden Familienmitglieder miteinander von enormer Akzeptanz. Ebenso ungewöhnlich erscheint das selbstkritische Eingeständnis der Mutter am Ende ihres Lebensweges: „Vielleicht, wenn ich wär‘ ein bisschen mutiger gewesen..."





















"Wenn man einen Hund hat und der treu ist und man trotzdem immer Schläge und Tritte kriegt von dem Besitzer, dann wird der Hund irgendwann bissig oder läuft weg."

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